Senne  

 

 

 

Einen Sommer lang

Zwischen Roggenfeld und Hecken
führt ein schmaler Gang,
süßes, seliges Verstecken,
einen Sommer lang.

Wenn wir uns von Ferne sehen,
zögert sie den Schritt.
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
unschuldig geschmückt.
Sich den Hut verlegen wieder
in die Stirn gerückt.

Finster kommt sie langsam näher,
färbt sich rot wie Mohn,
doch ich bin ein feiner Späher,
kenn die Schelmin schon.

Noch ein Bild in Weg und Weite,
ruhig liegt die Welt.
Und es hat an ihre Seite
mich der Sturm gesellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
führt ein schmaler Gang,
süßes, seliges Verstecken
einen Sommer lang.

Detlev Liliencron (1844 - 1909)

 

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Nach dem Regen

WolkeWolkeNach dem Regen
die Vögel zwitschern, die Mücken
sie tanzen im Sonnenschein.
Tiefgrüne feuchte Reben
gucken ins Fenster herein.

Die Tauben gurren und kosen
dort auf dem niederen Dach.
Im Garten jagen spielend
die Buben den Mädchen nach.

Es knistert in den Büschen.
Es zieht durch die helle Luft
das Klingen fallender Tropfen,
der Sommerregenduft.

Ada Christen (1839 - 1901)

 

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Vormittag am Strand

Es war ein solcher Vormittag,
wo man die Fische singen hörte;
kein Lüftchen lief, kein Stimmchen störte,
kein Wellchen wölbte sich zum Schlag.

Nur sie, die Fische, brachen leis
der weit und breiten Stille Siegel
und sangen millionenweis
dicht unter dem durchsonnten Spiegel.

Christian Morgenstern (1871 - 1914)